Die digitale Transformation der Zeitung

Interview mit Michael Husarek, Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten

Porträt Michael Husarek
© Foto Horst Linke

Michael Husarek ist Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten.

Herr Husarek, als Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten befassen Sie sich intensiv damit, das Produkt der regionalen Tageszeitung in die Zukunft zu führen. Mit welchen Fragen und Herausforderungen beschäftigen Sie sich dabei am stärksten?

 

Die größte Herausforderung ist sicherlich der durch die digitale Transformation bedingte Wandel. Dieser stellt unser über Jahrzehnte sehr erfolgreiches Geschäftsmodell infrage. Aus mehreren Gründen: Zum einen, weil die Lesegewohnheiten sich verändert haben. Haben die Menschen früher auf die Tageszeitung gewartet, ist es heute selbstverständlich (fast) rund um die Uhr aktualisierte Nachrichten via Smartphone zu empfangen.

Zum anderen, weil das Mitspracherecht selbstverständlich geworden ist. Früher hatten wir Journalisten die unangetastete Gatekeeper-Funktion, wir wählten aus einer Vielzahl von Nachrichten die relevantesten aus, heute ermöglichen die sozialen Medien jedem das Kommentieren und Auswählen der Nachrichten.Schließlich macht uns die über Jahre gewachsene Gratis-Kultur im Netz zu schaffen.

Es ist eine große Herausforderung, ein Bezahlmodell für regionalen Qualitätsjournalismus auf dem Markt zu etablieren. Wir stehen also mitten im Wandel, den ich als große Chance begreife, weil ich fest davon überzeugt bin, dass guter Journalismus weiterhin gefragt sein wird.

 

Um den Weg in die Zukunft Ihres Mediums zu beschreiten, haben Sie sich auch drei Monate ins offene Innovationslabor JOSEPHS der Fraunhofer-Arbeitsgruppe SCS begeben, das direkt in der Nürnberger Innenstadt liegt. Was gab für Sie den Ausschlag, diesen Schritt zu gehen?

 

Ich habe das JOSEPHS seit der Eröffnung immer wieder besucht und war stets von der innovativen Grundstimmung beeindruckt. Innovation, so meine Erfahrung, hat auch etwas mit der Umgebung zu tun. Tatsächlich – das hat das Dutzend Veranstaltungen, die wir dort im wöchentlichen Rhythmus organisiert haben, eindrucksvoll bewiesen – kamen wir von der NN-Redaktion mit einem debattierfreudigen Publikum ins Gespräch über unsere Zukunft.

 

Im JOSEPHS beteiligen sich verschiedenste Menschen direkt an der Innovation von Services und Produkten von Unternehmen. Wie haben Sie das JOSEPHS erlebt? Und was wollten Sie von den Besuchern des JOSEPHS wissen?

 

Ich habe das JOSEPHS als Bad in einem Jungbrunnen erlebt. Nicht für mich persönlich (obwohl ich mit 50 ein solches Bad auch gebrauchen könnte), sondern mit Blick auf unsere Produktwelt. Vieles von dem, von dem wir überzeugt waren, wurde dort infrage gestellt. Weil es an den Bedürfnissen vieler JOSEPHS-Besucher offenbar vorbeigeht. Von den Besuchern im JOSEPHS wollten wir vor allem wissen, wie und wann sie welche Medien nutzen.

 

Ausgeprägte Bewusstsein vieler JOSEPHS-Besucher über die Filterblasenproblematik

 

Was waren dabei die interessantesten Erkenntnisse und welche haben Sie am meisten überrascht?

 

Sehr interessant fand ich das ausgeprägte Bewusstsein vieler JOSEPHS-Besucher über die Filterblasenproblematik. Wir haben dort unter anderem eine personalisierte App getestet, die je nach Bedürfnis des Users eine bestimmte Nachrichtenauswahl vornimmt. Häufig kam von den Testern der Hinweis, dass sie Angst hätten, immer tiefer in die eigene Filterblase einzutauchen und deshalb allen Einstellmöglichkeiten zum Trotz von uns als regionalem Medienhaus kuratierte, also nach unseren journalistischen Regeln ausgewählte Informationen zu erhalten. Ich interpretiere das so: Eine Auswahl muss möglich sein, aber eben nur auf der Basis einer garantierten Grundinformation. Das ist spannend beeinflusst die Entwicklung neuer Produkte.

Wie geht es nun weiter? Wie werden Sie die Ergebnisse der drei Monate, in denen Sie Ihre Medienangebote im offenen Innovationslabor testeten und vor allem von anderen unter die Lupe nehmen ließen, weiter verarbeiten? Gibt es womöglich schon konkrete Pläne oder Maßnahmen, die sich daraus entwickelt haben?

 

Die Phase der Analyse der JOSEPHS-Ergebnisse liegt hinter uns. Jetzt geht es eben darum, neue Produkte so zu gestalten, dass möglichst viele der von den JOSEPHS-Besuchern genannten Kriterien erfüllt werden können. Konkret heißt das für uns, bei digitalen Bezahlprodukten sehr genau auf das Preis-Leistungs-Verhältnis zu achten. Auch das wurde uns mit auf den Weg gegeben. Es gibt eine Bezahlbereitschaft, allerdings mit klaren Grenzen.

 

Herr Husarek, vielen Dank für das Gespräch.