Newsletter Fraunhofer SCS ─ Ausgabe Dezember 2015

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8. Logistik Forum 2015 »MehrWERT durch Digitalisierung« - Ein Rückblick mit Ausblick

Digitalisierung verändert die Supply Chain: Prozesse in und zwischen Unternehmen müssen ebenso neu durchdacht werden wie bisher etablierte Geschäftsmodelle, Ausbildungsinitiativen oder die Einbindung und der Einsatz von Technologien. Deshalb stand das 8. Logistik Forum am 25. und 26. November 2015 im AIR CAMPUS Nürnberg unter dem Titel „MehrWERT durch Digitalisierung“. In Kooperation mit der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS veranstaltete der CNA e.V. das zweitätige Forum wieder als praxisnahe Plattform mit Vortragsreihen, Podiumsdiskussion, begleitender Fachausstellung und konkreten Anwendungen im Test- und Anwendungszentrum L.I.N.K. des Fraunhofer IIS. Rund 250 nationale und internationale Logistik-Experten waren der Einladung der Partner gefolgt und in den AIR CAMPUS gekommen, um sich über die neuesten Forschungsergebnisse und Entwicklungen auf diesem Gebiet auszutauschen.

Am ersten Tag führte Stefan Hentschel, Google Germany, in seinem Vortrag »Digitale Transformation B2B. Every business is a digital business« übergreifend in die Bedeutung der Digitalisierung für die Industrie ein und wies hier explizit auf Defizite in der Logistikbranche hin: In Sachen Digitalisierung müssten noch viele Entscheidungsprozesse in und zwischen den Unternehmen verändert werden, um auch zukünftig den Erfolg zu sichern. Dabei könne gerade in Deutschland im Vergleich zu den USA durchaus etwas mehr Mut an den Tag gelegt werden.

Prof. Dr. Alexander Pflaum (Fraunhofer SCS und Otto-Friedrich-Universität Bamberg) ging nachfolgend konkret auf die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für die Logistikbranche ein: Mit dem Aufkommen der Cyber-physischen Systeme biete sich die Gelegenheit, das eigene Dienstleistungsportfolio noch einmal zu erweitern und sich vom Wettbewerb zu differenzieren. Aber: „Die Implementierung und der Betrieb CPS-basierter Dienstleistungen hat massive Auswirkungen auf die etablierten Geschäftsmodelle der Dienstleister. Dafür werden Schlüsselkompetenzen  benötigt, über die heute die wenigsten Logistikdienstleister verfügen.“ Hier müssten Partnerschaften mit Spezialisten eingegangen werden, um nachfolgend zu klären, in wie weit diese Kompetenzen im eigenen Unternehmen aufzubauen bzw. zu integrieren sind. Letztendlich gehe es darum, sich zu öffnen, Partnernetzwerke und unternehmerische Ökosysteme aufzubauen und diese nachhaltig zu gestalten. Ein Kulturwandel in den Unternehmen sei vorprogrammiert.

In der anschließenden Podiumsdiskussion „Digitalisierung – Branchenvisionen 2030“ wurden von Prof. Dr. Markus Schmitz von der Bundesagentur für Arbeit, Dr. Johannes Söllner von der Geis Holding GmbH & Co KG und Markus Rosemann von SAP Deutschland sowie den beiden Vorrednern die digitalisierungsbedingt anstehenden Entwicklungen dargelegt – aus Sicht der deutschen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, aus Sicht eines Logistikdienstleisters und aus Sicht eines Software-Lösungsanbieters.

So verspricht sich Dr. Johannes Söllner durch die Digitalisierung enorme Chancen für die Branche, die aber auch mit erheblichen Herausforderungen verbunden seien, beispielsweise im Bereich der Mitarbeiter. Hier würden sich zukünftig die Berufsfelder und damit die Anforderungen weiter verändern. Dabei sei es heute schon schwierig, Personal für einfache Tätigkeiten zu finden.

Prof. Markus Schmitz erklärte, dass die Entwicklung des Arbeitsmarktes bis zum Jahr 2030 durch ein schrumpfendes und vor allem älter werdendes Arbeitskräfteangebot sowie durch weitere Strukturanpassungsprozesse auf Seiten der Arbeitskräftenachfrage gekennzeichnet sei. Im Bereich der Logistik müsse mit Engpässen gerechnet werden.

Am Nachmittag schlossen sich zwei Vortragsreihen an: Eine zum Thema „Digitalisierung im Handel – Neue Wege zum Kunden“ mit Vorträgen u. a. zur letzten Meile, zu Omnichannel oder neuen Services, die andere zum Thema „Digitalisierung in der Transportkette – Intermodalität“ mit Referenten, die u. a. über die Logistik 4.0 bei Schenker Deutschland oder die Vorteile des smartPORT bei der Digitalisierung der Verkehrsträger im Hafen Hamburg sprachen.

Welche neuen Services durch Digitalisierung möglich sind und welche Auswirkungen dies auf die Logistikprozesse haben kann, zeigte unter anderem Thomas Harmes  von mifitto: Sein Unternehmen bietet seit 2013 einen persönlichen kanalübergreifenden Größenberater für Schuhe an, bald soll auch Bekleidung hinzukommen. Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS wurden verschiedene Technologien entwickelt, mit denen Schuhe exakt im Innenraum vermessen und zum anderen auch die richtige Fußgröße des Kunden ermittelt werden kann. Dadurch kann kundengenau und individuell für jeden Einsatzbereich die passende Größe bestimmt werden, so dass passformbedingte Retouren der Vergangenheit angehören. 

Einen ungewöhnlichen Blick auf das Thema Digitalisierung warf abschließend der Vortrag von Metzgermeister Claus Böbel mit dem Titel: „Digitalisierung der Wurstkette – small talk statt BIG DATA“. Seit 2009 vermarktet die kleine Dorf-Metzgerei aus Rittersbach ihre fränkischen Produkte online und versendet heute seine Spezialitäten wie Bratwürste und Stadtwurst weltweit, bis nach Hawai, den Irak oder Neuseeland. Was als „Spielerei“ begann, beschert Böbel laut eigenen Angaben ein jährliches Umsatzwachstum von 20 bis 30 %, so dass der Online-Handel heute knapp die Hälfte seines Gesamtumsatzes ausmacht. Dabei hält er es ganz praxisnah: „Wie viele Facebook-Freunde oder wie viele Klicks ich habe, ist mir wurscht.“ Wichtig sei Authentizität und die Kommunikation mit den Kunden. Deshalb berichte er auch fast täglich online über Neues aus der Metzgerei: von speziellen Kundenwünschen über Betriebsausflüge bis zu Besuchern aus Übersee.

Am Abend des ersten Kongresstages fand abschließend die Jubiläumsfeier „20 Jahre Fraunhofer SCS – Gesichter und Visionen“ statt. Dabei wurde bis spät in die Nacht über die Vorträge und den Tag diskutiert und der runde Geburtstag von Fraunhofer SCS gefeiert. Eindrücke und Impressionen zum Abend finden Sie hier.

Am zweiten Kongresstag referierte zuerst Marco di Filippo von der Koramis GmbH zu „Digitale Angriffsszenarien auf kritische Infrastrukturen“. Der IT-Spezialist, dessen Firma sich auf den Schutz vor Hacker-Angriffen spezialisiert hat, zeigte eindrucksvoll wie einfach oft Sicherheitsvorkehrungen, beispielsweise öffentlicher Infrastrukturen im Bereich des Transports oder der Nahversorgung, zu umgehen sind: So legte er live während seines Vortrags die Steuerung von Ampeln oder Pumpstationen von Wasserwerken offen – selbstverständlich ohne letztendlich einzugreifen.

Seinem Beitrag folgten die beiden parallel laufenden Vortragsreihen zum Thema digitale Wertschöpfungsnetze: Während in „Services und Geschäftsmodelle“ Unternehmen wie Siemens, Schaeffler oder EURO-LOG referierten, wurden in „Anwendungen intelligenter Objekttechnologien“ konkrete Beispiele Cyber Physischer Systeme bei Hellmann, Airbus oder der Maschinenfabrik Reinhausen erörtert.

Beispielsweise ist für die Maschinenfabrik Reinhausen Industrie 4.0 schon lange von hoher Relevanz. Dabei orientiere sich laut Dr. Kempa die Entwicklung der einzelnen Industrie 4.0-Module an den konkreten Bedarfen und Anwendungen des Unternehmens, erfolge also Bottom-up. Dies sei auch die erfolgversprechendste Herangehensweise. In der allgemeinen Industrie 4.0-Diskussion sei in der Regel eher ein Top-down-Ansatz zu beobachten, bei dem Chancen und Risiken zwar genannt würden, aber auf den Bedarf der einzelnen Anwender nicht konkret eingegangen würde. Dies führe bei zahl­reichen Unternehmen zu großer Verunsicherung und oft auch zu einem eher abwartenden Handeln.

Am Nachmittag des zweiten Kongresstages hatten die Teilnehmer noch die Möglichkeit Technologie-Demonstrationen zu den Anwendungsbereichen Logistik, Produktion und Handel im Test- und Anwendungszentrum L.I.N.K. des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen zu besichtigen. Gezeigt wurden unterschiedlichste Anwendungen beispielsweise von der App-Lösung für einen personalisierten Einkaufsberater am Point of Sale, über verschiedene technische Möglichkeiten der Lokalisierung von Flurförderzeugen zur Kennzahlen-basierten Steuerung von Transporten, sich selbstorganisierende Funknetz-Technologien für drahtlose Kommissioniersysteme bis hin zu Energy Harvesting-Demonstratoren zur Gewinnung von Energie aus der Umgebung, z. B. durch die Nutzung von Licht, Vibrationen oder Temperaturunterschieden.

Das Forum wurde mit Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie, des Bayerischen Staatsministeriums des Innern, für Bau und Verkehr, der IHK Nürnberg für Mittelfranken, der bayernhafen Gruppe sowie der Stadt Nürnberg realisiert.

Podiumsdiskussion

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