VerQueRD – Quantencomputing und die Sicherheit digitaler Verschlüsselung

Quantencomputer als Herausforderung für heutige Kryptografie

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Online-Banking, digitale Identitäten und interne Unternehmenskommunikation basieren auf sicheren Verschlüsselungsverfahren. Viele dieser Verfahren – etwa RSA – beruhen darauf, dass bestimmte mathematische Probleme für klassische Computer praktisch nicht lösbar sind, da die benötigten Rechenzeiten zu hoch wären.

Mit dem Fortschritt im Quantencomputing stellt sich jedoch eine zentrale Frage: Wie sicher sind heutige Verschlüsselungsverfahren und kryptografische Standards, wenn Quantencomputer künftig für diese Aufgaben eingesetzt werden können?

Das Forschungsprojekt VerQueRD – Verschlüsselung brechen mittels Quanten‑Reduktions‑ und Dekompositionsmethoden untersucht diese Fragestellung systematisch und liefert eine realistische, praxisnahe Einschätzung der Bedrohungslage für heutige kryptografische Standards. Ziel ist es, Chancen und Risiken frühzeitig einzuordnen und fundierte Entscheidungsgrundlagen für den Übergang zu quantensicheren Verfahren zu schaffen.

Primfaktorzerlegung im Fokus

Im Gegensatz zu theoretischen Betrachtungen idealer Quantencomputer konzentriert sich VerQueRD auf heute verfügbare Quantenhardware der sogenannten NISQ-Generation. Diese Systeme verfügen derzeit zwar nur über begrenzte Rechenressourcen und sind fehleranfällig – bieten aber dennoch neue Rechenansätze, die klassische Verfahren ergänzen könnten.
Im Zentrum des Projekts steht die Primfaktorzerlegung, die eine zentrale Rolle für die Sicherheit vieler gängiger Verschlüsselungsverfahren spielt. Das Projekt analysiert, inwieweit sich dieses Problem durch den Einsatz quantenbasierter, quanteninspirierter und hybrider Verfahren beschleunigen lässt. Dazu werden Experimente auf realen Quantenrechnern, Simulationen und theoretische Analysen kombiniert.

Reduktions- und Dekompositionsmethoden als Schlüssel

Ein zentrales methodisches Element von VerQueRD ist die gezielte Vereinfachung komplexer Rechenprobleme. Große kryptografische Aufgaben werden so umformuliert, dass sie für aktuelle Quantenhardware überhaupt handhabbar werden.
Zum Einsatz kommen dabei Reduktions- und Dekompositionsmethoden wie Graph Shrinking und Circuit Cutting. Graph Shrinking vereinfacht komplexe Problemstrukturen zunächst klassisch und überführt sie in kleinere, schwach gekoppelte Teilprobleme. Circuit Cutting wird hingegen als software-seitige Skalierungsmethode genutzt, um die limitierten Quantenhardware-Ressourcen zu umgehen: durch die Zerlegung großer Schaltkreise in kleinere Fragmente lässt sich Near-Term-Quantenhardware skalieren und damit können größere Algorithmen realisiert werden. So lassen sich auch größere Quantenalgorithmen an die begrenzten Ressourcen heutiger Hardware anpassen.

Ressourcenbedarf, Skalierbarkeit und Rechenaufwand lassen sich durch diese zwei Ansätze realistisch bewerten und systematisch vergleichen.

Risikobasierte Entscheidungsgrundlagen für den Übergang zu quantensicheren Verschlüsselungen

VerQueRD liefert belastbare Entscheidungsgrundlagen für Unternehmen und Institutionen, damit diese rechtzeitig auf quantensichere Kommunikation umstellen können. Die Projektergebnisse umfassen unter anderem:

  • Benchmarks und Testergebnisse zur Leistungsfähigkeit quantenbasierter und quanteninspirierter Verfahren,
  • Performance-Vergleiche quantenbasierter, quanteninspirierter und klassischer Verfahren,
  • Hochrechnungen für RSA-Verfahren zur Laufzeit von Angriffen auf heutige kryptografische Standards,
  • Sowie eine fundierte Risikobewertung bestehender kryptografischer Standards und Handlungsempfehlungen.
Zentrale methodische Ergebnisse

Problemformulierung & Modellierung

Optimierte Problemformulierungen mit geringerer Variablenzahl, niedriger Kopplungsdichte und klar separierbaren Teilproblemen bzw. schwach verbundenen Partitionen.

Quanten‑Annealing

Testergebnisse und Benchmarks für Primfaktorzerlegung zur Kombination von Quanten-Annealing mit klassischen Reduktionsmethoden.

Gatebasierte Quantenalgorithmen (QAOA)

QAOA-Benchmarks für Primfaktorzerlegung unter Einsatz von QUBO-ReduktionenGraph Shrinking und Circuit-Cutting-Pipelines zur Quantenschaltkreis-Dekomposition und Reduktion des Sampling-Overheads.

Quanteninspirierte Verfahren

Softwareprototypen für Primfaktorzerlegung auf Basis von Tensornetz-Methoden inklusive systematischem Performance-Benchmarking.

Benchmarking & Risikobewertung

Detaillierte Performance-Vergleiche, extrapolierte RSA-Laufzeiten und fundierte Risikoabschätzung für heutige kryptografische Standards mit Handlungsempfehlungen.

Circuit Cutting 

Software-seitige Skalierung: Zerlegung von Quantenschaltkreisen in Fragmente ermöglicht Umsetzung größerer Algorithmen auf Near-Term-Hardware.

FAQ – Ihre Fragen, unsere Antworten

  • Viele heute eingesetzte Verschlüsselungsverfahren – etwa RSA – basieren darauf, dass sich zwei große Primzahlen sehr leicht multiplizieren, das Rückgängigmachen dieser Rechnung (Primfaktorzerlegung) aber extrem aufwändig ist. Solange selbst leistungsfähige Rechner dafür unrealistisch lange benötigen, gilt die Verschlüsselung als sicher. Wird diese Annahme jedoch durch neue Rechenmethoden in Frage gestellt, gerät das Sicherheitskonzept ins Wanken.

  • Nein – aber das bedeutet nicht, dass kein Risiko besteht.

    Aktuelle Quantencomputer sind noch zu klein und fehleranfällig, um RSA realistisch anzugreifen. Dennoch wird intensiv erforscht, ab wann und unter welchen Bedingungen Quantencomputer solche Angriffe ermöglichen könnten. Hinzu kommt das Szenario »Harvest now, decrypt later«: Daten werden heute abgefangen und später entschlüsselt, sobald die nötige Rechenleistung verfügbar ist.
     

  • Viele bekannte Quantenalgorithmen – etwa zur Faktorisierung – setzen ideale, fehlerfreie Quantencomputer voraus, die es heute noch nicht gibt. In der Praxis scheitert ihre direkte Umsetzung an begrenzter Qubit‑Zahl, kurzen Kohärenzzeiten und Messfehlern. Deshalb ist entscheidend, wie sich reale Probleme an heutige Hardware anpassen lassen – nicht nur, ob ein Algorithmus theoretisch existiert.

    • Quantenbasiert: Algorithmen laufen direkt auf Quantenhardware.
    • Quanteninspiriert: Klassische Algorithmen übernehmen Ideen aus dem Quantencomputing (z. B. spezielle Optimierungsstrategien).
    • Hybrid: Klassische und quantenbasierte Rechenschritte werden kombiniert.

    Gerade hybride Ansätze gelten derzeit als besonders praxisnah, da sie vorhandene Hardware realistisch nutzen können.
     

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