Das Dorf in der Stadt – Nachbarschaftshilfe 2.0

Nachbarn helfen Nachbarn

Menschen halten Hände, Zusammenarbeit, Nachbarschaftshilfe
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Ein typisches Merkmal des ländlichen Raums ist das ausgeprägte soziale Netzwerk zwischen den Bewohnern. Da man sich gegenseitig kennt, fällt es leichter um Hilfe zu bitten. Städter leben zumeist anonym und unter sich. Häufig kennt man die eigenen Nachbarn überhaupt nicht. Aber auch in der Stadt sind viele Menschen aufgrund ihrer Lebenssituation auf Hilfe angewiesen, beispielsweise bei der Kinderbetreuung oder im Krankheitsfall. Bereits bestehende Dienstleistungsangebote für diese Art von Problemen sind meist mit hohen Kosten für die Nutzer verbunden. Eine gegenseitige, unentgeltliche Nachbarschaftshilfe bietet daher große Potenziale.

Genau an diesem Problem setzt das Forschungsprojekt »INSELpro« an. Das Projekt plant ein neuartiges, gegenseitiges Dienstleistungskonzept für die (städtische) Nachbarschaftshilfe zu entwickeln. Die Konzeption und Umsetzung neuer personennaher Dienstleistungen erfolgt beispielhaft im Stadtteil Nürnberg-Mögeldorf und wird durch eine eigens entwickelte Nachbarschafts-App unterstützt.

Was sind personennahe Dienstleistungen?

Personennahe Dienstleistungen gewinnen in unserer Gesellschaft zunehmend an Bedeutung. Alle Dienstleistungen, bei denen Dienstleistungsgeber und –nehmer miteinander kooperieren müssen, damit alle Beteiligten mit der Arbeit zufrieden sind, werden unter diesem Begriff zusammengefasst. Personennahe Dienstleistungen sind ein Beschäftigungsmotor: Sie begünstigen die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, schaffen zukunftssichere Arbeitsplätze und steigern die Lebensqualität und die soziale Gerechtigkeit.

Aufgrund des demografischen Wandels und der steigenden Individualisierung der Gesellschaft, wächst der Bedarf an bedarfs- und nutzergerecht erbrachten personennahen Dienstleistungen. Damit diese aber zufriedenstellend sind, müssen Dienstleistungsgeber und Konsumenten in einem interaktiven Dialog treten und kooperieren. Besonders wichtig in diesem Prozess ist die Nutzung modernen Informations- und Kommunikationstechnologien sowie die Entwicklung geeigneter Geschäfts-, Betreiber- und Finanzierungsmodelle. Dieses Wechselspiel von technologischer und sozialer Innovation lässt völlig neue Lösungen und Angebote entstehen.

Die Nachbarn als Prosumenten

Die Fraunhofer Arbeitsgruppe für Supply Chain Service SCS unterstützt das interdisziplinäre Forschungsteam insbesondere bei der Konzeption und dem Aufbau eines neuartigen Dienstleistungskonzepts für die gegenseitige Nachbarschaftshilfe in Nürnberg-Mögeldorf. Die individuellen Fähigkeiten der einzelnen Bewohner in der Nachbarschaft stehen hierbei im Mittelpunkt. So werden die Menschen im urbanen Lebensraum zu Prosumenten: sie sind gleichzeitig Dienstleistungsgeber und-nehmer.

Das neuentwickelte Dienstleistungskonzept integriert Bewohner und gemeinnützige Partner zugleich bei der Entwicklung des Prosumenten-Netzwerks über eine digitale Plattform. In Stadtteil-Workshops wurden zuvor mögliche bedarfs- und nutzerorientierte Tätigkeitsfelder analysiert und passende Motivationsstrategien entwickelt. Schließlich ist es ebenfalls das Ziel, dass das langfristige Funktionieren dieser Nachbarschaftshilfe gewährleistet werden kann. Sowohl Fragen des Daten- und Persönlichkeitsschutz, der Haftung und ethische Implikationen waren wesentlicher Bestandteil dieser Analysephase.

Die zu erarbeitende Nachbarschafts-App unterstütz dabei den Aufbau des Prosumenten-Netzwerks. Diese digitale Plattform soll den optimierten Abruf und die unkomplizierte Bereitstellung von Dienstleistungen innerhalb der Nachbarschaft ermöglichen.

Steigerung der Lebensqualität in der Nachbarschaft

Es wird erwartet, dass das neuentwickelte Prosumenten-Netzwerk die Hilfsbereitschaft der Menschen in der Nachbarschaft ankurbelt und somit die Lebensqualität aller steigert. Mithilfe dieses Konzepts können Kosten reduziert, Stress vermieden und das Selbstwertgefühl aufgewertet werden. Zudem fördert das Projekt »INSElpro« den Zusammenhalt und die Interaktion im Stadtteil.

Daneben profitieren auch caritative Einrichtungen, da sie mit den Bürgern im Betreuungsbereich stärker zusammenarbeiten können. Sowohl das Forschungskonzept als auch die entwickelte Software können künftig von weiteren Dienstleistern im Sozialbereich genutzt und bundesweit auf andere Stadtteile übertragen werden.

Unsere Projektpartner

  • SIGMA Gesellschaft für Systementwicklung und Datenverarbeitung mbH
  • Evangelischer Gemeindeverein Nürnberg-Mögeldorf e.V.
  • Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Lehrstuhl für  Wirtschaftsinformatik
  • Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Lehrstuhl für Psychologie im Arbeitsleben

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